Freitag, 16. Dezember 2016

Vom Zauber der Weihnacht

Minceo war so schnell gelaufen, wie ihn seine Beine zu tragen vermochten. Sein Atem kam ihm nur mehr stoßweise über die Lippen, sein Herz pochte wie wild, als er durch Genuas Straßen eilte. Die Fassaden der Geschäfte auf der Via della Maddalena flogen wie der Wind an ihm vorbei. Mit keinem Blick würdigte er die beschlagenen Scheiben Ruffinos – des Konditormeisters – aus denen wie stets der Duft von frischem Backwerk lockte. Selbst das Schaufenster des alten Spielzeugmachers – als Maestro Collodi weithin bekannt – hatte das Nachsehen, weil er nicht einmal kurz stehenblieb, um sich dessen Auslage zu betrachten. Es hätte darin ja etwas Neues zu entdecken geben können.
Der Junge aus Genua wollte einfach so rasch wie möglich nach Hause. Schließlich war heute Weihnachten und sein Weg nicht mehr weit.
Nur noch zwei Gassen und Mutters Rufen wäre zu hören, der Duft ihres Essens zu riechen.
Doch da stand unvermittelt ein großer Mann auf der Straße: in Rot gewandet und mit einem mächtig-hohen Zylinder auf dem Kopf. Mit zotteligem Bart – schlohweiß und buschig – und dröhnender Stimme rief er weithin schallend:

"Liebe Kinder, groß und klein,
es wird mir eine Freude sein,
Euch zu dies besond'rem Feste,
unterhalten mag auf's Allerbeste!"

Minceo wurde erst langsamer, dann stoppte er ganz.
Eine große Schar Kinder kam von allen Seiten angelaufen. Die meisten davon kannte der Junge aus Genua, weil er sie schon oft getroffen und mit ihnen gespielt hatte. Sie waren wohl ebenfalls auf dem Nachhauseweg, die Häuser ihrer Familien lagen jedoch in anderen Vierteln der Stadt. Aber auch sie blieben stehen und sammelten sich sichtlich um den Fremden.
Der verharrte ruhig und sah sich um. Wartete ab, bis der Strom herbeieilender Kinder abebbte, und griff dann in seinen Mantel. Dort zog er zur Überraschung aller ein weißes Kaninchen daraus hervor. Im Nacken gepackt – was dem kleinen Nager, wie wir alle wissen, keinen Schaden zufügt – hielt er es in die Runde, gefolgt von den neugierigen Blicken zahlreicher Kinderaugen.
Sogleich kam ein kleiner Tisch zum Vorschein, den er sehr zum weiteren Erstaunen der ihn umstehenden Jungen und Mädchen gleichsam unter seinem Mantel hervorholte. Dieser kam vor ihm zu stehen, wonach er seinen Zylinder abnahm, der darauf Platz finden sollte: mit der Öffnung nach oben wohlgemerkt.

Das Kaninchen erneut im Kreis schwenkend ließ er nun verlauten:
"Dieses gar putzige Tierchen, welches auf den Namen Adonis hört, wird sogleich in meinem Hute verschwinden."

Wie, dachte da Minceo augenblicklich, es kommt dort hinein? Wird nicht daraus herbeigezaubert, wie er es bei den meisten anderen Zauberern gesehen hatte?

"Ha!", erschallte da des Fremden Stimme. "Ich weiß schon, was ihr denkt. Aber ich, der fantastische Fantasius – Magier aus Florenz – suche meinesgleichen, wie ihr alsbald herausfinden werdet."
Im gleichen Augenblick setzte er Adonis auf die Platte des Tischchens und befahl dem Tierchen in den Hut zu klettern. Das Kaninchen aber hörte nicht auf seine Worte, beschnupperte stattdessen lustlos die Krempe der hohen, schwarzen Kopfbedeckung des Zauberers.

"Ja, ist es denn wahr?", schnaubte Fantasius, der Fantastische, gespielt streng.
Es folgte ein leises Kichern aus der Menge der Kinder. Und als das weiße Kaninchen der Hand des Zauberers entkam, indem es auswich und zur anderen Seite des Tischchens hoppelte, folgten die ersten Lacher.
Fantasius quittierte diese Bekundungen mit einem kurzen Blick, versuchte dann erneut seinen unfreiwilligen Helfer bei diesem Kunststück zu Fassen zu bekommen. Doch außer einem vereinzelten Prusten aus den Reihen des Publikums geschah nichts.

"Versteck' dich, Adonis!", hörte sich Minceo plötzlich laut rufen.
"Na, na, na, ermuntert ihn bloß noch!", murrte der glücklose Zauberer, der sichtlich ins Schwitzen geriet.
"Oder wollt ihr etwa nicht dieses famose Kunststück sehen?"
Dabei blickte er hilfesuchend in die Runde und die Hälfte seiner Zuschauer gab ihm nickend recht, während die anderen unschlüssig schienen und nur wenige ihre Köpfe schüttelten.
"Hm, da muss ich wohl andere Saiten aufziehen", warf er ein und ließ seine rechte Hand in seinen Mantel fahren, während seine Linke weiterhin versuchte, des flinken Nagers habhaft zu werden.
Die Augen aller Kinder lagen gespannt auf Fantasius Mantel, aus dem der flink eine Mohrrübe zog und sofort mit ihr auf Adonis deutete, wie mit einem Zauberstab. Den juckte dies jedoch wenig.

Erneut hob der Magier zu sprechen an:
"Ene Hunkel, mene Munkel,
sieh bloß her und hör auf mich.
Mene Munkel, ene Hunkel,
scher dich her und spute dich!"

Bei diesen Worten blieb das Kaninchen plötzlich wie vom Blitz getroffen stehen. Stocksteif stand es da, die Karotte – die inzwischen verlockend vor seinem Schnuppernäschen lauerte – fest im Blick.
Minceo vermutete nur aus Fressgier und scheinbar war er nicht der Einzige, der so dachte. Mehr als eines der Kinder schmunzelte nämlich ebenso wie er.
Fantasius ließ das vordere Ende der Rübe vor dem Mäulchen von Adonis kreisen und dessen Köpfchen folgte ihrem Tun.

"Nun wird's Zeit, du kleiner Racker,
kehre heim auf deinen Acker.
Mach' dich fort und keinen Ärger,
auf das wir alle können geh'n."

Und während Minceo sich noch darüber wunderte, dass sich das Ende des Verses vom fantastischen Fantasius nicht reimte, sprang dessen tierischer Gehilfe leichtfüßig in den Zylinder.
Augenblicklich erscholl ein Lachen in der Menge, das nach und nach durch alle Kehlen ging. Nur der Junge aus Genua schloss sich dem nicht an, so als wenn er zu ahnen schien, was folgen sollte.
Der große Zauberer holte aus, schlug blitzartig mit der Spitze der orange-farbenen Rübe auf die Krempe des Hutes, wodurch dieser zusammenklappte. Dabei setzte er eine Qualmwolke frei, die sich ausdehnte, als das Tischchen seinem Beispiel folgte und in sich zusammenfiel.

Staunende Münder allenthalben, aufgerissene Augen und ungläubige Blicke blieben auf der Straße zurück, als sich der Qualm endlich aufgelöst hatte. Nichts war mehr übrig geblieben. Selbst der Verursacher dieses Spektakels – der fantastische Fantasius – war wie vom Erdboden verschluckt.

Ein Raunen ging durch die Menge, gefolgt von vielstimmigem Murren und schließlich sogar offenen Unmutsbekundungen.
Minceo jedoch war erleichtert und hoffte dabei inständig, dass das Kaninchen damit dem Mann in Rot für immer entkommen sein könnte. Dann fiel dem Jungen siedend-heiß ein, wohin er eigentlich wollte und er rannte los.

* * *

Minceo erreichte die Hütte seiner Familie nach wenigen Minuten. Salvatore und Ilsa – seine Eltern – erwarteten ihn bereits sehnsüchtig, allerdings lag etwas Seltsames in ihren Blicken.
Warum, erfuhr Minceo keinen Wimpernschlag später, als er mit ihnen in ihre karge Behausung trat. Da saß doch tatsächlich ein weißes Kaninchen auf ihrem grob gezimmerten Tisch, dass auf Minceos Zuruf hin – welcher nur aus dem Wort Adonis bestand – das Köpfchen schief und seine Löffel anlegte.



© Bernar LeSton in Rüsselsheim am Main, den 23. November 2016

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