Dienstag, 26. Februar 2013

Der alte Mann auf dem Fahrrad


… und ich sah ihn danach nie wieder.

Den alten Mann, der jede Nacht etwa gegen Mitternacht vor unserem Hotel vorbeifuhr. Tagein tagaus - oder wörtlich gesehen eher nachtein nachtaus - tat er das. Wie in einem steten Rhythmus immer und immer wieder. Zahllose Wochen lang.

Das erste Mal sah ich ihn, weiß nicht mehr wann, vom Treppenhaus aus. Rundgang beendet mit dem Schirm über der Schulter noch schnell die Stufen runter und der Feierabend wäre in Reichweite.

Wenige Tage danach kam ich aus der Küche. Salami-Käse-Baguette fürs Abendessen dabei - ja, richtig gehört, wenn der persönliche Morgen tagtäglich um 15:00 Uhr graut. Er fuhr schnurstracks vorbei und vor allem ohne Licht. Aber ich sah ihn dennoch.

Auch beim nächsten Mal war das so. Kein Licht und ich war scheinbar spät dran. Denn vom Keller hochkommend und mit ein paar Flaschen für den Kühlschrank dabei. Ich sah ihn nur noch von hinten, aber egal.

Tags darauf wollte ich gerade einige Listen ausdrucken, als ich ihn wieder wahrnehmen konnte. Diesmal schaute er kurz durch die Frontscheibe zu mir herüber und ich erwiderte seinen Blick. Nur kurz. Zu kurz? Nein, wohl weniger.

Tage später erhaschte ich ihn nur aus dem Augenwinkel heraus. Schon war er um die Ecke gebogen und mir wieder entglitten. Aber er war es. Ganz sicher. Wer sollte es um diese Zeit denn sonst schon gewesen sein?

Anderntags hatte ich schon einen Augenblick vor seinem Auftauchen begonnen, mir meine Gedanken über ihn zu machen. Warum fuhr er hier jede Nacht vorbei? Arbeit? Oder Feierabend? Hätt’ ich ihm gegönnt. Oder etwa ein Schäferstündchen? Aber danach sah er eigentlich nicht aus - zu ungepflegt die Erscheinung, zu nachlässig sein Aufzug. Doch was dann? Oh, da war er wieder. Schon vorbei.

„Sollte ich ihn fragen?“ schoss es mir in der drauffolgenden Nacht durch den Kopf, als seine Zeit wieder gekommen war. Seltsam, seine Zeit und doch war es ja auch meine Zeit. „Was passiert denn hier?“ , fragte ich mich selbst und in mir stieg die Angst empor, dass ich vielleicht durchdrehen würde. Aber das Surren seiner Fahrradkette holte mich wieder in die Realität zurück. Ich stand genau an der geöffneten Eingangstür und rasch verschwand er wieder aus meinem Blickfeld. Aber morgen!

Es war soweit. Heute, fest vorgenommen, würde ich ihn anhalten. Mich vorstellen und ihm einen Kaffee anbieten. Angst davor mich lächerlich zu machen hatte ich allerdings nicht. Wir waren ja in unserer Zeit. Und hoffentlich würde er mir antworten. Auf die Frage, die mich schon lange interessierte. Ein absurder Gedanke kam mir, da: "Was wäre, wenn er gar nicht anhielt? Einfach weiter- und mich über den Haufen fährt.“. Doch davor hatte ich jetzt erst recht keine Angst mehr. Ich kannte ihn schon viel zu lange und auch zu gut. Man würde sich schon verständigen können, aber leider…

Leider kam alles ganz anders. Der Augenblick war da. Ich glaubte, schon das Summen der geölten Kette zu hören. Gleich würde er um die Ecke biegen.

Doch nichts geschah. Die Sekunden verstrichen, die Minuten vergingen und so sehr ich auch wartete und hoffte. Wer nicht kam, war er. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich dort reglos ausgeharrt hatte, aber irgendwann ging ich wieder nach drinnen. Es hatte plötzlich am Hintereingang geschellt. Ich öffnete, fast wie in Trance. Meine Kollegin war gekommen und sah mich fragend an: „Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“ Ich verneinte apathisch, erzählte ihr aber nichts von dem alten Radfahrer. Doch…

… komischerweise hatte ich Angst, dass ihm etwas passiert sein könnte. Und ich sah ihn danach nie wieder …


Anmerkung des Autors:
Es ist schon viele Jahre her, ich war ein Junge von sieben, acht Jahren, da kam spätabends einer meiner Onkel zu uns nach Hause und überbrachte die traurige Nachricht vom Tod meines bis dahin völlig gesunden Großvaters. Er war auf dem Nachhauseweg, durch einen Wald, umgefallen und liegen geblieben. Als man ihn fand, war er schon gestorben und lag einfach nur wie schlafend neben seinem …

… Fahrrad.


© Bernar LeSton in Rüsselsheim, 11. September 2010