Donnerstag, 6. Dezember 2012

Ereignis in den Bergen

In einer Berghütte sitzend, kauerte ich mich, vom Tosen eines Sturmes verängstigt, zusammen. Der Wind des Unwetters zerrte und riss an der Türe sowie den Läden, so dass mir wirklich bange war. Der Regen stürzte in Schauern vom Himmel und prasselte pausenlos auf das uralte Schindeldach herab. Und ich dachte in Panik, was denn geschehen möge, falls Wind, Sturm und Regen in einem infernalischen Crescendo mit urwüchsiger Kraft die Hütte mit mir darinnen zum Einsturz brächten. Begraben wäre ich ganz sicherlich für alle Zeiten - tot und zermalmt, die Knochen zerbrochen und der Körper zerschlagen. Woge über Woge, eine schlimmer als die andere, kam über die Hütte und immer wieder dachte ich voller Furcht nun sei es soweit und mein Ende gekommen. Aber jedes mal schienen die Naturgewalten noch einen draufsetzen zu müssen. So kam mir in all meiner Plage mehrfach der Verdacht, dass dem Sturme ein gewisses Sinnen oder bewusstes Handeln oblag. Wie wenn in dem Wüten, dem Wilden und Heftigen, ein gewisser Sadismus zu stecken schien.


Natürlich könnten Sie durchaus anmerken, dass dies nur meiner Einbildungskraft entsprungen sein könne, aber es gibt da etwas, das damit nicht unwesentlich zu tun und sich etwa vier Wochen vorher zugetragen hatte.


Zu dieser Zeit weilte ich gerade in Rom, bevor mich meine Reise über die Schweizer Alpen nach Deutschland zurückführen sollte. Nach dem Speisen am frühen Abend schlenderte ich durch das innerstädtische Forum und kam an einem kleinen Laden vorbei. Dieser wäre mir an jedem anderen Tag mit allergrößter Wahrscheinlichkeit entgangen, aber nicht im April des Jahres 1819.
Als meine behänden Schritte mich geradewegs an dessen Tür vorbeiführten, trat unvermittelt eine betagte und gebeugte Frau daraus hervor, die altes Blumenwasser aus einer Vase auf die Straße hinausschüttete. Ich blieb abrupt stehen und hielt inne. Nach der Verrichtung ihres Tuns wandte sie sich um und wollte wieder in ihr kleines Etablissement zurückgehen. Doch unsere Blicke trafen sich und wir wurden beide im gleichen Augenblick von einem seltsamen Schaudern erfasst, so als wäre dieser Moment vom Schicksal vorherbestimmt worden.
Ich weiß es heute zwar nicht mehr so genau, aber irgendwie kamen wir ins Gespräch und sie bat mich in ihr kleines Geschäft. Dort nannte sie mir unvermittelt meinen vollständigen Namen und zu meinem Erstaunen noch allerlei Dinge aus meinem bisherigen Leben, welche sie nicht wissen oder in Erfahrung gebracht haben konnte.

Anhand der Unmengen an seltsamen und durchaus auch skurrilen Gegenständen, welche sich in dem geschmackvoll eingerichteten Räumchen häuften und ihren unstrittig vorhandenen seherischen Fähigkeiten war ich geneigt ihr - trotz meiner üblichen Zweifel - zu glauben. Vorerst …
Doch dann verfinsterte sich ihre Miene zusehends und sie erklärte mir mit ernstem Blick, dass sie momentan etwas in der Klemme stecke und mir gegen eine großzügigere Spende etwas mitteilen wolle, was mir in Bälde sicherlich äußerst nützlich sein würde. Dabei spielte sie auf meine bevorstehende Weiterreise an, ohne aber ins Detail gehen zu wollen.
Unweigerlich fing ich zu lachen an und viel lauter als ich es mir später gerade wegen meines guten Benehmens eingestehen konnte. Dieser dreiste und vor allem dazu noch äußerst plumpe Versuch mich um einen Teil meiner Reisekasse zu bringen, grenzte schon ans Unglaubliche.
Erbost ob meiner unausgesprochenen Ablehnung ihres großzügigen Angebotes begann sie mir schimpfend und zeternd nachzurufen, dass ich in nicht allzu ferner Zukunft im Gebirge der Schweizer Alpen unvermittelt und völlig überraschend in einen schrecklichen Sturm geraten würde. Und mich dort in einer abbruchreifen Hütte hoch oben in den Bergen verstecken würde, sich dies aber als nutzlos erwiese. Im Augenblicke meiner größten Angst solle ich mich an ihre Worte erinnern, und falls ich nach einem dreifach aufeinander folgendem Blitz immer noch in der Kate verbliebe, würde diese mich, von Donner und Getöse begleitet, unter sich begraben.

Und dann saß ich Wochen später da, im Zentrum dieses fürchterlichen Unwetters und ließ einen ersten gewaltigen Blitz furchtlos über mich ergehen. Harrte etwas ängstlicher auf den Zweiten, der auch alsbald folgen sollte. Und noch bevor der Dritte niederging, hatte ich trotz aller Angst, welche mich fast zu paralysieren schien, einen beinahe schon tollkühnen Plan ersonnen. Ich musste hier raus, riss also die poröse Tür auf und sprang mit gewaltigen Sätzen, welche ich mir nur durch eine beginnende Todesangst erklären konnte, ins Freie und versuchte dabei soviel Abstand wie möglich zwischen mich und die vom Verfall bedrohte Kate zu bringen.
Und scheinbar keine Sekunde zu früh war mir dies gelungen, als sie, von einem weiteren gewaltigen erdwärts fahrenden Stromstoß getroffen, berstend und krachend in sich zusammenfiel.
Ich war gerettet. Und obwohl der Sturm, jetzt zwar nachlassend, aber immer noch wütend über mich weiter hernieder ging und mich der Regen rasch durchnässt hatte, tanzte und schrie ich außer mir vor Freude, da die bedrohliche Prophezeiung der alten Vettel aus Rom sich nicht bewahrheitet hatte. Schneller und schneller hüpfte und tanzte ich wie ein Derwisch um die Reste der lodernden Hütte herum, wie es die mittelalterlichen Hexen in der Walpurgisnacht seit Jahr und Tag vollführten. Wie im Rausch drehte und wirbelte ich umher, um dann, wie in einem großen Finale urplötzlich mit brennender Haut und dampfendem Atem, der aus meiner Kehle strömte, zu Boden zu sinken ...


Ich erwachte erst wieder, als Sie sich bereits über diesen ausgestreckt daliegenden und verkohlten Körper beugten und ich auf ihre Frage hin „Was dem armen Teufel wohl widerfahren sei?“, die sie ihrer Reaktion zufolge, wohl sich selbst und nicht mir gestellt hatten, wahrheitsgemäß und ohne darüber nachzudenken geantwortet habe. Doch Sie würdigten meine nebelhafte Erscheinung keines Blickes …


© Bernar LeSton im Muotathal (Schweiz), den 3. Juli 2010

Samstag, 1. Dezember 2012

The End of Novembre

Alle Jahre wieder denkt man, dass der November als Monat kaum kommen mag und kann es nicht erwarten, bis es dann endlich soweit ist. Dem Ende des Oktober fiebert man deshalb immer wieder mit klopfendem Herzen entgegen, weil sie dann beginnt:

Die schönste Zeit des Jahres, die Zeit des National Novel Writing Month - des NaNoWriMo!

Schlag Zwölf starten Hunderttausende Schreibwillige über den ganzen Globus verteilt in den Kampf gegen die literarische Hydra mit den 50 000 Köpfen, den feuerspeienden Drachen mit 50 000 eisenharten Schuppen, die Supernova mit 50 000 Grad Hitze, den vielarmigen Kraken in 50 000 Meilen unter dem Meer, die frankensteinsche Kreatur mit den 50 000 Volt oder die unschlagbare Armee der 50 000 Plotbunnys.

Und wer wird am Ende gewinnen, ob man es glauben mag oder nicht: Natürlich all die NaNoisten weltweit, selbst in dem Fall, wenn sie ihr Manuskript nicht fertigbekommen haben sollten. Ganz gleich, welche Gründe dafür eine Rolle gespielt haben mögen. Ob es an den schwachen Protagonisten, deren zahnlosen Gegnern oder ihren harmlosen Helfershelfern lag; die Handlung nicht genug Stoff hergab, es an der Vorplanung mangelte oder sie einfach mittendrin zum Schreiben zu müde geworden waren.  Trotz all dieser Punkte, die einen zum Scheitern verurteilt haben konnten, haben sich doch alle bemüht so gut sie konnten. Schrieben zusammen an die abermilliarden Wörter in den unterschiedlichsten Genres zumeist mit- und vielerorts sogar nebeneinander in einer der vielen Gruppen. Man half sich, feuerte sich gegenseitig an und inspirierte sich bis zum geht nicht mehr. Eine Fantastillion Kampfgefährten, Weltraumpiloten, Liebende, Monster, Recken, Wissenschaftler, Tiere, Ärzte, Piraten, Dinosaurier und nicht zu vergessen Ninjas, die zusammen den faszinierendsten Monat des Jahres regelrecht zelebrierten - friedlich, neidlos und freundschaftlich. Eben so, wie es sich unter gepflegten NaNoisten gebührt.

Immer voran schreibend, stockend, fluchend, verzweifelnd, Haare raufend, helfend, motivierend und schließlich siegend. Weil man nicht aufgab, immer wieder aufstand und immer weiter rackerte, auch wenn man mehr als einmal glaubte, es hinwerfen zu wollen. Sich zu verkriechen und niemals mehr wieder einen Stift schwingend, eine Tastatur mit den Fingern bearbeitend oder Hammer und Meißel nutzend, um ein Stück Text zu schaffen, das andere später einmal gerne lesen mögen.

Natürlich hat man manches in diesem Monat vernachlässigt: Die Frau, die Kinder, die restliche Familie, die Freunde*, die Haustiere, den Fernseher, das Auto, Essen und Trinken, den eigenen Schlaf und die vielen anderen Hobbys, die man so hat. Ach ja, da war doch noch was - die Arbeit natürlich!

Wie konnte man die in dieser Aufzählung denn nur vergessen? * verschmitzt schau *

Und doch hat es sich auch gelohnt, wie man genauso leicht feststellen kann: Man machte sich bekannt, solidarisierte sich und freundete sich sogar bisweilen an. Also, alles durchaus positive Dinge, die man eigentlich so nur im National Novel Writing Month erlebt. Genauso wie die negative Variante davon, in der man ständig von wildfremden Menschen an den unterschiedlichsten Plätzen darauf angesprochen wurde, was man denn da eigentlich täte. Und auf die Aussage hin, dass man an einem Romanmanuskript schriebe, mit großen Augen für verrückt erklärt wurde.

Doch auch das hinderte einen nicht daran, am Ende der Strecke dieses großen Write-a-tons mit schweißnassem Shirt, verkrampften Waden und breiter Brust, das Zielband zu zerreißen und allen Ortes Jubel aufbranden zu hören, den man sich hundertprozentig verdient hatte.

Nun musste man nur noch gemächlich die Arme ausschütteln, die Muskeln lockern und tief und lang ein- und ausatmen. Nach und nach flaute der Schmerz wieder ab, bevor man spürte, wie es in einem zu gären und zu brodeln begann. Zuerst leicht, dann stark und schließlich immer stärker, bis man dachte, vor Stolz über die eigene Leistung platzen zu müssen.
Immer wieder kamen einem Bilder in den Kopf, die Ausschnitte aus dem eigenen Schreiben widerspiegelten, die man "bloß" auf Papier, in ein Heft oder den eigenen Monitor verewigt hatte. Sie mögen in ihrer Menge im ersten Moment für den Einzelnen vielleicht wenig erscheinen, ...

... aber nach hinten raus in der Masse für alle Mann ganz sicher enorm viel bedeuten.

Also, falls sich nun der ein oder andere, der diesen Beitrag gelesen hat, befleißigt fühlt, bei diesem weltweiten Schreibereignis einfach mitmachen zu wollen, so wird das schlicht und ergreifend eine längere Zeit nicht möglich sein.

Warum?

Na, weil das erst in 334 Tagen erst wieder möglich sein wird - also am 31. Oktober 2013!

Schade?

Tja, da hilft dann nur eines, nämlich diesen Tag mit einem ganz großen, roten Kreuz im Kalender zu versehen. Nicht wahr?


Also, viele liebe Grüße von hieraus

Bernar LeSton


* allerdings nur die Nichtschreibenden, sorry!


© Bernar LeSton in Rüsselsheim, den 30. NaNovember 2012

Dienstag, 20. November 2012

Der seltsame Fund

So, heute mal wieder ein kleine Geschichte, die ich schon vor ein paar Monaten geschrieben habe und die einfach so, aus einer Laune heraus, entstand. Schuld daran war einzig und alleine ein Tagebucheintrag währenddessen sich mir dieser Gedanke an diese beiden alten ... Ach, lest sie doch einfach selbst.

Der seltsame Fund

Satoshi Otomo war ein alter Fischer aus Kahoku, einem kleinen Dorf in der Präfektur Ishikawa. Dort bewohnte er mit seiner Frau Hiruki ein kleines Haus, welches ihnen einen wohligen Unterschlupf bot.
Herr Otomo fuhr trotz seiner 83 Jahre jeden Tag zum Fischen mit seinem kleinen Boot hinaus auf den Kahokugata-See, während sich Frau Otomo, die ganze zwei Jahre jünger war, dem Haus und dem Garten widmete. Jeden Tag aufs Neue, bis eines schönen Tages etwas Ungewöhnliches geschah: Satoshi Otomo hatte etwas sehr Seltsames gefangen und mit nach Hause gebracht: Es war kreisrund, etwa zehn Zentimeter hoch und dreißig Zentimeter im Durchmesser.
Als Herr Otomo das schwarze Ding dann Zuhause auf den Tisch gelegt hatte, wunderte sich auch seine Frau, weil sie sich nicht vorstellen konnte, was so etwas in einem See zu suchen hatte. Sie strich mit der einen Hand über den glatten Gegenstand, bevor sie die Zweite noch zur Hilfe nahm und ihn hochhob. Er war nicht gerade schwer und roch ein wenig nach dem See, aus dem er gekommen war. Auf ein wenig Druck hin bog sich die glatte Scheibe und federte wieder auseinander. Auf der Oberseite war eine kleine Delle zu sehen, die wie eine Kuppel aussah und durch den ein Ring führte. Der war aus Metall, wie die Otomos leicht feststellen konnten, als sie ihn betasteten.
Wie hast du das denn gefischt?“, fragte Hiruki plötzlich mitten in die Stille hinein, welche die beiden alten Menschen umgab.
Na mit der Angel!“ äußerte Satoshi etwas abwesend.
Ich dachte, du wärst mit dem Netz im See fischen gewesen?“ hakte sie nach, während sie durch ihre Brille abwechselnd das merkwürdige Ding und ihren Mann darüber besah.
Aye, das schon und während ich wartete, das sich ein paar Fische darin verfingen, warf ich noch ein wenig die Angel aus.“
Und dabei hast du dann dieses komische Ding da, an Land gezogen?“ gab sie keine Ruhe.
Genau. Aber dann war es auch schon wieder Zeit, das Netz einzuholen und ich ruderte zurück an Land. Und ich habe es extra vor den anderen Dörflern verborgen. Du weißt ja, wie neugierig die immer so sind“, sagte Herr Otomo und dies störte beide schon länger. Schon so lange, wie die beiden keine Kinder zusammen bekommen konnten. Seitdem waren alle im Dorf plötzlich sehr an deren Leben interessiert und fragten fortan dauernd nach. Es wurden Tipps gegeben, selbst wenn man sie in seiner Traurigkeit darüber gar nicht haben wollte. Und als sich Herr und Frau Otomo dagegen zu verwahren begannen, wurde hinter vorgehaltener Hand darüber gemutmaßt, an wem es denn nun liegen könnte. Aber Satoshi und Hiruki verband das so sehr, dass sie eigentlich nichts vermissten. Nur die Neugierde ihrer Nachbarn störte sie.
Damit beließen es Satoshi und Hiruki vorerst und beide gingen ihren gewohnten Beschäftigungen nach, die ja auch getan werden mussten: Er flickte das Netz und sie lagerte die Fische ein, die sie selbst verbrauchen wollten. Die anderen nahm sie aus, damit Satoshi sie noch vor dem Mittagessen auf dem Markt verkaufen konnte.

Als er dann gegen die Mittagszeit wieder aus dem Dorf zurückgekommen war, wusch er sich die Hände und beide setzten sich zu Tisch. Das Mahl, welches Hiruki aus dem Wenigen gezaubert hatte, das sie sich leisten konnten, duftete herrlich. Herr Otomo sah diverse Köstlichkeiten, die keinen großen Aufwand an Zutaten erforderten, aber durch ihre raffinierte Zubereitung jedes Mal wieder sein Herz aufgehen ließen. Und während ihm das Wasser im Munde zusammenlief, angelte er sich voller Vorfreude mit seinen beiden Stäbchen ein Stück gegarten Dorschs. Den wollte er gerade zu seinem Mund führen, als Hiruki das morgendliche Thema wieder aufgriff:
Und nun?“ stellte sie kauend, aber ihren Mund mit der Hand abschirmend, in den Raum.
Was nun?“ erwiderte Satoshi schmatzend.
Was wird denn nun mit dem schwarzen Ding?“ ging die Fragerei weiter, die ihn langsam zu stören begann. Aber er zeigte dies nicht, sondern schob sich ein weiteres Stück Fisch in seinen Mund.
Frau Otomo räusperte sich und selbst jemand, der nicht schon so lange mit ihr zusammenlebte wie ihr Herr Otomo, hätte heraushören können, wie viel Empörung in diesem Räuspern mitschwang. Sie erwartete eine klare Antwort und keine Ausreden.
Stört es dich, dass wir es im Haus haben?“ ging er jetzt deutlich behutsamer vor. „Ich weiß auch eigentlich gar nicht genau, warum ich es mitgenommen und nicht wieder, wie einen zu kleinen Fisch, ins Wasser zurückgeworfen habe.“
Sie sah ihn mit großen Augen an, nahm schlürfend etwas Algensuppe zu sich und nickte dann kurz, bevor sie etwas Reis aß.
Ich bringe es wieder dahin zurück, wo ich es gefunden habe!“ sagte Satoshi entschlossen und dann fragte er sie: „Aber vielleicht möchtest du ja mitkommen?“
Und sie nickte erneut, nun aber energischer und dasselbe Lächeln überzog ihr Gesicht, das er schon immer an ihr geliebt hatte.
Den Rest des Mittagessens nahmen sie schweigend, aber glücklich zu sich.

Nachdem Hiruki den Tisch abgeräumt hatte und Satoshi ihr rasch beim Waschen der Schalen, Schüsseln und Stäbchen zur Hand gegangen war, brachen sie mit dem merkwürdigen Ding auf. Herr Otomo nahm den direkten Weg durch das kleine Wäldchen, das hinter dem Dorf lag und Frau Otomo hatte ihren besonderen Fang in einen Korb gelegt, den sie gegen allzu neugierige Blicke mit einem Tuch abdeckte. So kamen sie auch bei Herr Wasashi und seiner Frau, die als eine der neugierigsten Damen von Kahoku galt, vorbei, ohne dass die beiden etwas sahen. Stattdessen hätten sie durch das ganze Dorf gemusst, in dem ihnen ganz sicher noch mehr neugierige Menschen begegnet wären. Nun lag nur noch ein kurzes Stück durch den Bambuswald vor ihnen und schon hatten sie den Kahokugata-See erreicht. Und dort konnten sie dann mit seinem kleinen Boot in die Mitte des Sees rudern, wo sie das schwarze Ding wieder in den Fluten versenken wollten.

Doch dazu sollte es nicht kommen. Denn als sie um die letzte Kehre bogen, sahen beide, dass sich vor ihnen ein großes Loch im Boden befand. In diesem war inmitten von Unmengen mit Algen besetztem Kies, Tang und vielen toten Fischen eine etwa dreißig Zentimeter große Öffnung zu sehen, die gähnend ins Erdinnere zu führen schien.


Unglaublich, aber wahr ...


©Bernar LeSton in Rüsselsheim, den 3. Juni 2012

Mittwoch, 14. November 2012

Moin, Moin ...

So, ihr Lieben.

Muss mir zuerst mal die verquollenen Augen ausreiben und gleich mal das Büserhemd überstreifen, weil ich so lange meinen Blog vernachlässigt hatte.

Das ergab sich leider so und tut mir auch sehr leid. Doch der Grund dafür ist ein durchaus positiver:

Der Schreibwahnsinn hat mich wieder gepackt. Richtig gepackt und wohl mehr denn je. Ich stecke nämlich in der ganz klar schönsten Zeit des Jahres:

Dem November!

Nicht weil er der Herbstmonat, mit trübem Wetter sowie Nässe und Kälte, schlechthin ist. Sondern weil zu seinem Beginn der Startschuss zum National Novel Writing Month fällt. Dem unglaublichsten Schreibmarathon, an dem ich jemals teilgenommen habe. Wie, den kennt ihr nicht? Na sowas!

Im NaNoWriMo schreiben hundertausende Schreiber weltweit vom 1. bis zum 30. November die Rohfassung ihres ganz persönlichen Romans aus 50 000 Wörtern. Dabei gibt es keinerlei Auflagen, außer den Einschränkungen, die man sich selbst auferlegen möchte. Wie ich, der es sich in diesem Jahr mal in den Kopf gesetzt hat, gleich zwei NaNos schreiben zu wollen, weil sich das einfach mal so aufgedrängt hat:

Ich wollte eine Geschichte am Tag schreiben, die eher hell und fröhlich angehaucht daherkommen soll und eine Geschichte in der Nacht, die natürlich der anderen entgegensteht. Düster und melancholisch. Dabei hatte ich auch bewusst vor, "Tag" (so lautet der Arbeitstitel) vorher durchzuplotten, was mir aber irgendwie nicht gelingen sollte. Das war aber nicht weiter tragisch, weil ich generell eher ein Bauchschreiber bin. So verwundert es euch sicherlich nicht, dass ich "Nacht" (so lautet der andere Arbeitstitel) ohne Plan begann und sich auch ohne Schwierigkeiten durchziehen ließ.

Zu meinem Erstaunen durfte ich allerdings feststellen, dass am Abend des Write-ins (also vom 31. Oktober auf den 1. November, gleich eine Minute und einem Sekündchen nach 23:59 Uhr), sich plötzlich "Tag" (also die falsche Geschichte) das Heft in die Hand nahm und mir klar machte, wer bei uns zuhause eigentlich die Hosen anhat und was soll ich sagen: Sie hatte recht!

Seitdem geht mir "Tag" leicht aus der Hand, während "Nacht" (obwohl diese Art Geschichten eher meine Domäne zu sein scheinen) etwas zäher vorankommt. Das spiegelt sich aber nur minimal in meinen Wordcounts wieder, die ziemlich gleich sind. Es ist eher die Art, wie sich die Worte finden und aus meinem Kopf über die Finger und die Tastatur in den Rechner wandern.

Aber auch wenn sie nicht so leicht zu schreiben ist oder vielleicht gerade deshalb mag ich sie beinahe ein klitzekleines Stückchen mehr. Sie zeigt mir damit unbewusst, an wem ich mehr zu arbeiten habe und das macht das überbordende Gefühl am 31. November 2012, wenn der diesjährige NaNo zuende sein wird, nur um so toller.

Huch, jetzt bin ich etwas euphorisch geworden und das nur wegen eines Schreibwettbewerbs. Aber ach, was soll ich versuchen es mir schönzureden.

Ich bin ein bekennder NaNoist und das ist auch gut so ...

Bernar LeSton


PS.: Und jetzt muss ich aber hurtig weiter, wie das weiße Kaninchen bei Alice im Wunderland ... äh, der Joker in Tim Burtons genialer Batman-Verfilmung: "Wir haben noch soviel zu tun und so wenig Zeit!"

Bis die Tage ...

Dienstag, 16. Oktober 2012

Gemüse


So, hier nun also eine meiner Kurzgeschichten. Deren Rohfassung schrieb ich beim letztjährigen Write-In zum National Novel Writing Month während eines WordWars. Und der Titel kam daher zustande, weil meine Gegnerin auf meine Bitte um ein Wort hin, an dem ich mich während des Schreibens thematisch orientieren konnte, dieses vorschlug.

Den WordWar hat sie übrigens locker gewonnen, doch mir blieb diese Geschichte. Also Danke fürs herausfordern, Rinchen!

Und nun viel Spaß damit und eventuell noch einen guten Appetit, falls ihr den nach dem Lesen der Geschichte überhaupt noch haben solltet ...

Gemüse


Die Hitze in der Küche war für Fernand Pont unerträglich geworden. Er wollte noch all sein Können einsetzen und jegliche Erfahrung in die Waagschale werfen, über die er verfügte, um zu retten, was noch zu retten war. Aber die Mühe war vergebens. Es war ruiniert ...

* * *

Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Fernand war schon früh aus den Federn gekommen und hatte sich nach einer Katzenwäsche zum Frühstück mit den anderen Beiköchen im Restaurant L'Auberge du Point de Colonades getroffen. Heute gab es einmal mehr den wenig leckeren, aber dafür umso sättigenden Haferbrei. Diesen bekamen die Jungen von ihrem Chef, dem Sternekoch Paul Bisquit, immer dann vorgesetzt, wenn es mal wieder darum ging, einen ganz besonderen Gast zu bekochen.
Natürlich hatte er ihnen auch heute wieder nicht verraten, um wen es sich dabei handelte, aber hochstehend würde diese mysteriöse Person schon sein. An seiner Laune erkannte man immer, ob sie hoch oder gar höher angesehen war.
Wie jedes Mal mussten seine Köche, Hilfsköche und Küchenjungen die Stationen tauschen, damit sie in Übung blieben und mit überraschenden Situationen umgehen konnten: Nonte bekam heute die Vorspeisen, Remy den Fisch, Toshiko die Beilagen, Marvé wie häufig die Fleischspeisen, Tomasz das Dessert und ausgerechnet er, Fernand, das Gemüse.
Und das, obwohl der Maître nur zu genau wusste, dass Fernand mit dem grünen Hasenfutter nicht das Geringste anfangen konnte. Dennoch machte er sich daran, die Kochbücher seines Meisters zu wälzen, um sich die raffiniertesten Beilagen aus der Sparte der eben erst geernteten Pflanzen auszusuchen.
Schnell wurde er fündig und machte sich auf den Weg zum Markt, dem er schon lange keinen Besuch mehr abgestattet hatte. „Hoffentlich ist Alfredo da!“, schoss es ihm durch den Kopf. Der alte Italiener war in Sachen Gemüse der beste Händler vor Ort und ein Freund des, allerdings Grünzeug verachtenden, jungen Kochlehrlings. Die Ratschläge seines erfahrenen Mentors konnten ihm vielleicht helfen, mit der ihm gestellten Aufgabe umzugehen.
Nach wenigen Minuten und einer fast kompletten Durchquerung der belebten Markthalle umarmten sich beide lang und herzlich. Alfredo klopfte seinem Lieblingsjungen aus Maître Pauls Küche auf die Schulter und lächelte dabei.
Na, was kann ich denn für dich tun, du Tunichtgut?“, fragte er ihn augenzwinkernd.
Ich soll heute nämlich eine Speise aus Gemüse zubereiten, aber da ich mich kaum auf diese Sachen verstehe, würden mir ein paar Tipps von Ihnen sehr helfen.“
Signore Alfredo beriet sich mit dem jungen Fernand und gab ihm dann einen Korb mit diversen Gemüsen, unter denen auch Salbei und Fenchel waren. Aber der wohl wichtigste Rat, den der erfahrene Händler seinem jungen Freund mit ins Rüstzeug packte, lautete: „Achte vor allem auf die richtige Garzeit der unterschiedlichen Gemüsesorten, Junge!“ Dann verabschiedeten sich beide und der Mentor wünschte seinem Protégé viel Glück bei dessen Anteil am bevorstehenden Menü.
Eilig kehrte Fernand zur Küche zurück. Er huschte direkt zu seinem Tisch und wusch das Gemüse, bevor er es zu zerkleinern begann. Eine Sorte nach der anderen fand geschnitten ihren Weg entweder in die gusseiserne Pfanne oder den tönernen Schmortopf. Der junge Lehrling füllte noch rasch die letzten angebratenen Stücke in das terrakotta-farbene Gefäß, dann schob er es in den vorgeheizten Backofen. Schließlich setzte er sich einen Moment in die Ecke zwischen Kühlschrank und Mikrowelle, um sich ein klein wenig auszuruhen.

* * *

Im Dämmer hörte Fernand Geschrei um sich herum und schlug die Augen auf. Verschwommen nahm er laute Stimmen war, die, völlig diszipliniert, einzelne Teile des heutigen Dîners aufriefen und die passenden Antworten darauf folgten in minimalem Abstand dazu. In der Küche war endlich die Hektik ausgebrochen, welche ihm ankündigte, dass das Finale des Menüs bevorstand. Immer noch einen dunstigen Schleier vor Augen ging er langsam zum Ofen hinüber. Dabei rieb er diese mehrfach, um den feinen Dampf loszuwerden, aber es tat sich nichts. Er tastete nach einem Handtuch, um gefahrlos die heiße Ofenklappe zu öffnen. Eine Mischung aus Dunst und beißendem Rauch schlug ihm entgegen. Der Lehrling wollte sich noch schnell zur Seite wegdrehen, als er von einer starken Hand nach hinten gerissen wurde.
Fernand ...“, hörte er die Stimme des Maître in einem entsetzten Tonfall hinter sich rufen. „Was treibst du denn da?“
Der Junge stammelte hilflos: „Ich bereite die Gemüse zu und wollte sie gerade aus dem Ofen nehmen, Chef de Cuisine.“
Er sah wie Paul Bisquit beherzt mit einem Lappen, der mehr Löcher als ein Schweizer Emmentaler hatte, in die Öffnung griff und den schwelenden Schmortopf, der keinen Deckel mehr zu haben schien, herausnahm. Er sah kurz hinein und hielt ihn dann dem verdutzt dreinschauenden Jungen vorwurfsvoll hin.
Im Innern lag der Deckel, der in etliche Stücke zerbrochen war und dazwischen konnte man das Grande Malheur des heutigen Abends sehen. Eine schwarze Kruste, die an mehreren Stellen aufgerissen war, durch die ein zäher, grün-weißer Schleim hindurchschimmerte. Und als wenn das nicht schon genügte, war da ja auch noch der passende Gestank dazu.

Natürlich rettete Maître Bisquit das Mahl noch in allerletzter Sekunde dadurch, dass er punktgenau ein passendes Gemüsegericht zum Menü zauberte. Fernands stinkendes Zeug flog unverspeist und mitsamt dem kaputten Tontopf durch das Küchenfenster in den Hinterhof, wo es langsam vor sich hinverrottete. Der ungeschickte Lehrling durfte sich fortan zum Wohle aller den anderen Stationen widmen – mit Gemüse hatte er danach höchst selten noch etwas zu tun.


©Bernar LeSton in Frankfurt/Main, den 01. November 2011

Freitag, 12. Oktober 2012

Ber bloggt?

Ber bloggt! ... Ber bloggt nicht!! ... Ber bloggt!!!

Also bloggt Ber nun oder bloggt Ber nicht?

Na, was sagt ihr?

Natürlich bloggt Ber!

Und über was?

Über alles, was mich zu faszinieren vermag ... 
... und das kann vielfältig werden!


PS.: Ach ja, ... dem Namen des Bloggs nach
auch über die Dinge, die ich schreibe.

Wenn es denn recht wäre, ja?